Wie gehauchte Küsse übersähen Fußabdrücke den glatten Sand. Mit jedem meiner Schritte hinterlasse auch ich eine frische Spur. Sie wird nicht lange sichtbar bleiben, denn unaufhörlich dringt das Meer weiter nach vorn und erobert seinen Platz zurück. Mit gleichmäßigen, ruhigen Wellen glättet es die Unebenheiten und macht jede Fremdeinwirkung ungeschehen.

Mit den Händen tief in den Taschen bleibe ich stehen und starre gedankenverloren auf den Boden. Meine Zehen graben sich in den feuchten, kühlen Sand, zeichnen unbestimmbare Figuren und versinken schließlich in dem Gewirr aus Linien.  Ein Seufzen entfährt mir. Ich blicke zum Horizont und wünsche mir nichts sehnlicher als jetzt dort zu sein, an einem anderen Ende der Welt; einem, an dem der Morgen friedlicher ist als hier.

Zwei zankende Möwen zerren mich zurück in die Realität. Ich schenke ihnen missmutig meine Aufmerksamkeit und beobachte, wie sie zickig über den Boden hüpfen, fast schon tanzen. Zwischen ihnen liegt ein toter Fisch, dem unwillkürlich mein Mitleid gilt. Ob es ihm wohl wichtig gewesen ist, wie sein Leben ein Ende findet?

Bereits wissend, dass die größere und lautere Möwe den Kampf gewinnen wird, wende ich mich ab und stapfe weiter den Strand entlang. Jemand anders hätte vielleicht eingegriffen, die große Möwe verscheucht und dem Jüngling damit die Chance gegeben, selbst groß und stark zu werden. Vielleicht hätte es auch nur die Gnadenfrist des schwächeren Vogels heraus gezögert, doch jemand anders hätte trotzdem versucht einzugreifen; ganz egal, ob richtig oder falsch.

Ich nehme mir vor, eines Tages zu ergründen, was mich dazu bringt, nicht wie jemand anders zu sein. Während ich weiter laufe, schließe ich die Augen und atme tief durch. Die salzige Luft kribbelt in der Nase und ich muss an mich halten, um nicht zu Niesen. Unter meinen Füßen wird der Sand langsam unebener. Gebrochene Muschelschalen hinterlassen leichte Kratzer auf meiner Haut, doch gefangen in einer auffliegenden Sturheit laufe ich weiter strikt gerade aus. Es ist noch nicht an der Zeit umzukehren. Vereinzelt ragen nun dunkle Felsen ins Meer hinein und ich beschließe meinen Marsch zu unterbrechen, um ein Stück hinaus zu klettern. Erst als meine Füße mit dem salzigen Wasser in Berührung kommen, merke ich das Brennen in den vielen kleinen Wunden an meiner Sohle. Das Meer ist schon deutlich stärker geworden. Wenn die Wellen sich an dem schwarzen Gestein in so vielfältige Blautöne brechen, dass mir das Betrachten niemals müde werden wird, spritzt mir weiße, kühle Gischt entgegen. Wie viel stärker und aufdringlicher das Wasser dadurch doch gleich wirkt. Die Steine sind glatt und ich muss aufpassen, um den Halt nicht zu verlieren. Als ich eine erhobene, trockene Stelle gefunden habe, setze ich mich und ziehe die Knie an meine Brust. Mit der Hand fahre ich über das glatte Gestein und mein Blick wandert erneut über den Horizont. Erst als meine Finger auf kleine Einkerbungen in den Felsen stoßen, höre ich auf, mich darin zu verlieren. Es sind eingeritzte Worte, die jemand hier zurück gelassen haben muss; ähnlich hier sitzend wie ich. Es dauert einen Moment bis ich entziffern kann, was dort steht und mein Magen verkrampft sich unweigerlich als die Bedeutung der Worte zu mir durchdringt. Ich muss schlucken und zwinge meinen Blick wieder zurück auf den Horizont, nur die Finger kann ich nicht von der Stelle lösen und so fahre ich immer wieder über die Worte; immer wieder, als könnte ich sie irgendwann einfach wegwischen, genau wie das Meer auch meine Fußabdrücke vom Strand gewischt hat.