Ein kleines gelbes Buch in deinen langen schlanken Fingern. Reclam. Den Autoren kann ich nicht entziffern. Doch das grelle Gelb strahlt von ganz allein die Atmosphäre der alten Meister aus. Dein Blick verharrt fest in den Zeilen. Schaffen es die Worte zu dir durchzudringen? Mit einer Hand fährst du dir durch deine halblangen, dunkelbraunen Haare und du atmest hörbar aus. Genervt? Enttäuscht? Warum das gequälte Gesicht? Gib den Worten doch die Freiheit, dich zu verführen. Gib ihnen die Macht, diese Nacht in ihren Klang zu hüllen.

Die Fenster der Bahn sind tiefschwarz und reflektieren unsere käsigen Gesichter. Einige müde Augen gesellen sich zu meinem neugierigen Blick. Ganz versunken in deine stille Kunst, bemerkst du kaum in welcher Welt du dich gerade bewegst. Was ist es, das dich trotz all dem zwischen den Seiten hält? Liebst du die Worte so sehr wie ich es tue?

Während die Nacht uns in ihre Schwärze tunkt, versucht mein Blick dich einzuhüllen. Ein Kleid aus Worten manifestiert sich auf meinem Papier. Deine Herbstrote Jacke. Das kleine Monster auf kariertem Papier in deiner Handyhülle. Dein freier Geist. Und während ich nach Worten suche, gibst du mir das Gefühl, dich bereits zu kennen, bevor wir auch nur einen Blick gewechselt haben.

Erinnerst du dich, wie wir die ersten bunten Blätter lachend von den Bäumen geschüttelt haben? Wie wir durch den Park rannten, um schneller zu sein als der kühle Herbstwind? Ich sehe es vor Augen, wie wir im Cafe sitzen und ich die Hände um meinen heißen Kakao schlinge, während du mir angeregt von deinem Leben erzählst. Wir spazieren durch die Straßen und singen mit den Straßenmusikern Springsteen und The Killers.

Und ich bemerke kaum mehr, in welcher Welt wir uns bewegen. Kleine, schwarze Worte klettern die erleuchteten Wände des Zuges hoch und lassen die Bilder wie Konfetti von der Decke fallen. Sie rieseln auf dich herab und hinterlassen eine zarte Schneedecke auf deinen Schultern.

Du schlägst dein Buch zusammen, schaust auf deinem Handy nach der Uhrzeit und brichst dann überstürzt auf, um aus der Bahn zu kommen. Ich blicke dir nach und meine Finger knicken eine kleine Eselsecke in die aufgeschlagene Seite des Notizbuches.

Gute Nacht, Fremder. Es war angenehm mit dir zu reisen.