Gibt es denn etwas Schöneres als ein neues Notizbuch aufzuschlagen? Dann auf das unbenutzte, strahlend weiße Papier zu schreiben?

Aber was passiert, eigentlich mit dem Alten? Werden die ganzen vielen Gedanken etwa stiefmütterlich in eine Ecke gefeuert?  Ich hoffe doch nicht!

Oder zumindest nur für kurze Zeit, denn eigentlich kann es nicht schaden, den ganzen Input erst einmal ein bisschen ruhen zu lassen. Aber finden sich zwischen den Zeilen denn überhaupt noch Schätze? Lohnt es sich Ideen, die sich nicht sofort vollenden lassen, aufzuheben und erst später noch einmal in Betracht zu ziehen?

Die Antwort ist für mich ein klares JA! Es macht nicht nur super viel Spaß, mit den alten Zeilen, Erinnerung wieder heraufzubeschwören, ich bin auch überzeugt, dass man oft durch mangelnde Zeit oder einfach nur ein bisschen schlechte Laune ganz außergewöhnliche Textideen gar nicht immer sofort erkennt. Es sollte sich also lohnen, hier mit etwas mehr Unbefangenheit noch einmal nachzubohren. Ich habe gerade mein altes Notizbuch ausgegraben und werde es gleich wieder aufschlagen. Mal sehen, was sich da so alles finden lässt.

Eine Frage an dich – Vorher interessiert mich natürlich, was du mit einer angefangenen Ideensammlung eigentlich machst. Vergräbst du sie? Schmeißt du sie wohl möglich sogar weg? Oder wird sie gleich aufgearbeitet? Glaubst du, dass sich hier noch ungenutztes Potential versteckt?

Ich schreibe zu meinen Texten generell immer das Entstehungsdatum. Die erste Seite meines alten Notizbuches trägt die Aufschrift des 24.September 2015. Geschlagene zwei Jahre ist es jetzt also her, dass ich dieses Büchlein zum ersten Mal aufschlug.

„Die Sterne werden allmählich von den Wolken verschluckt. Das Mondlicht, das sich in ihnen verfängt, lässt die Wolken viel heller wirken, als diese riesigen, leuchtenden Gaskugeln, die sich weit außerhalb unseres Sonnensystems befinden.“

Dies sind die ersten Zeilen, die das Notizbuch zieren. Wenn  ich es mir recht überlege, sind es überhaupt die allerersten Zeilen, die ich in ein Notizbuch geschrieben habe. Von der Zeit davor existieren, wenn überhaupt, nur lose Zettelsammlungen, von denen ich nicht wüsste, wo ich sie jetzt suchen müsste. Viel habe ich damals auch auf meinem Handy geschrieben, aber das zu lesen, hat nicht ansatzweise die gleiche Ausstrahlung wie ein Notizbuch.

Ganz ehrlich, um die hohe Kunst handelt es sich bei den oben stehenden Worten aber sicher nicht. Ich finde den Gedanken an sich schon ganz niedlich, nur würde ich es heute vielleicht anders formulieren oder gekonnter einbauen. Man könnte es an den Anfang eines Textes stellen, der sich noch weiter mit Illusionen auseinandersetzt. Was kann ein Blickwechsel bewirken? Welche Rolle spiele ich eigentlich im Universum? Man könnte auch genauso gut, nach Situationen suchen, in denen man ebenfalls ganz oberflächlichen Täuschungen unterliegt und diese mit der obenstehenden Metapher in Verbindung setzen.

Aber blättern wir doch ruhig noch ein bisschen weiter. Die nächsten vertretbaren Zeilen, die ich hier zitieren könnte, ohne, dass du mich danach für einen total verkorksten, weltfremden Menschen hälst, lassen sich erst wieder auf den 13.Oktober datieren. Davor findet sich viel klischeehaftes, oberflächliches Zeug, über das ich heute nur kopfschüttelnd schmunzeln kann. So viel können zwei Jahre ausmachen. Hier finden sich die ersten Gedanken zu dem Text „Kleider wie Gefühle“, der auch einer der ersten war, den ich hier auf dem Blog veröffentlicht habe. Aber da du das fertige Ergebnis nachlesen kannst, blätter ich mal noch ein wenig weiter.

Ein Gedanke aus der Vorweihnachtszeit 2015:

„Mit der Wahrheit verhält es sich wie mit dem Grenzwert in der Mathematik, man nähert sich an, doch treffen wird man ihn nie.“

Das finde ich als Statement ziemlich cool, aber einen literarischen Text kann ich mir auch heute nicht dazu vorstellen. Also weiter. Auf den nächsten Seiten begegnen mir eine dreibeinige Katze, die durchs Dunkle streunt und ein kleines Mädchen, welches auf einem alten Mienenfeld sitzt und einen Kranz aus Gänseblümchen flechtet. Manchmal sind es aber auch nur Worte, die ich schön finde, flüchtige Bilder oder unsinnige Spielereien. Eines möchte dir hier noch vorstellen und vielleicht fällt dir ja ein, wie ich es weiterführen könnte:

WEINTRAUBENZUCKERWATTESTÄBCHEN

Lesen musst du es, indem du nach der maximalen Zahl an Worten suchst: Wein => Weintrauben => Trauben => Traubenzucker => Zucker => Zuckerwatte => Watte => Wattestäbchen => Stäbchen. Durch die Verschränkung der zusammengesetzten Worte entsteht dann ein endloses Wort, dass in einem Fluss gelesen werden kann. Sowas kommt also dabei raus, wenn man mal wieder zu angestrengt versucht die Zeit tot zu schlagen. Fallen dir denn auch Worte ein, die nur durch eine Verknüfpung eine völlig neue Bedeutung bekommen?

Aber so richtig geholfen hat mir das auch noch nicht auf der Suche, nach einem neuen Text. Vielleicht könnte das brauchbar sein:

… mein Herz schon über Bord geworfen, schmiede ich Pläne, die eigentlich Träume sind.

Finde nur ich, dass das nostalgisch, fast schon pessimistisch, aber trotzdem unglaublich ästhetisch ist? Die Freiheitsliebe, die hier mitklingt, obwohl von der Unerreichbarkeit der Ziele die Rede ist, finde ich super. Wie viele Helden kenne ich nicht, die ich dafür bewundere, dass sie niemals aufhören zu träumen; die trotz aller Unvernunft, ihrer Leidenschaft treu bleiben.

Oben geschriebene Zeile eignet sich also beispielsweise als Charakterisierung einer neuen Figur oder auch einfach nur als übergeordnetes Gefühl für den kommenden Text. Viel will ich dazu auch gar nicht weiter sagen, aber du merkst schon, dass aufmerksames Lesen, manchmal sehr viel anregen kann. Wenn die Worte, für dich etwas bedeuten, dir mehr mitteilen können, als ihr eigentlicher Bedeutungsgrund, dann bastle genau an diesem Ansatz weiter. Frag dich, was es ist, dass du schön findest. Versuch es in anderen Worten wiederzugeben und baue dir daraus einen neuen Leitfaden. Du kannst auch ganz assoziativ beginnen und eine Art Wortgerüst an ähnlichen oder gegensätzlichen Worten, um den ursprünglichen Text bauen. Wer weiß, vielleicht entwickelst du dabei sogar schon ganz von allein ein abstraktes Gedicht.

Ich könnte jetzt noch gefühlt ewig weiter machen, aber anstatt dich damit weiter von deinem eigenen Schreibprozess aufzuhalten, werde ich dir jetzt nur noch gutes Gelingen und hoffe, dass ich dich dazu motivieren konnte, bald selbst einen Blick in ehemalige Aufzeichnungen zu werfen.