„There are thousands of ways to go, but please choose miiiiine“, trällert es im Radio, während sie vor sich hin trödelnd ihre Sachen zusammensucht. Sie rechnet nicht damit, dass er pünktlich ist. Sowas macht man in ihrem Alter nicht, pünktlich sein, auch nicht höflich oder zuvorkommend; das hebt man sich für später auf. Länger zuhause bleiben will sie aber auch nicht. Schon seit Stunden fühlt es sich so, als würde ihr die Decke auf den Kopf fallen. Oder schon seit Tagen?

Die Luft draußen ist kühl und die Sonne versteckt sich hinter tiefen, grauen Wolken. Um diese Zeit des Jahres verwandelt die Stadt sich in ein trostloses, unfreundliches Loch. Vereinzelt liegt noch Matsch auf dem Fußweg, der an den winzigen und unglaublich vergänglichen Augenblick erinnert, in dem tatsächlich Winter gewesen war. Sie beeilt sich zur Bushaltestelle zu kommen, nur um dort festzustellen, dass der Bus erst in sieben Minuten kommen soll, was erfahrungsgemäß im Abends-Berufsverkehr eine Viertelstunde bedeutet. Genervt schaut sie sich um, entscheidet, dass es zu kalt ist zum Sitzen, eigentlich generell zum Warten und stapft dann wieder los. Die paar Straßen könne sie auch laufen, denkt sie, außerdem entgeht sie dann endgültig der Gefahr zu früh zu kommen. Ihr Fußweg führt durch einen kleinen Wald, wobei der sich überhaupt nur so nennen darf, weil es ringsherum in der Stadt nur wenig Grün gibt. Viel eher ist es eine vermüllte Grünanlage, auf der zufällig ziemlich dicht ein paar Bäume wachsen. Aber zumindest ist es hier menschenleer.

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Er sieht, wie sie auf ihn zugelaufen kommt, die Hände tief in den Taschen, einen überdimensionalen Schal um ihren Hals geschlungen und das Gesicht unter einer Kapuze vergraben. Trotzdem erkennt er sie; nicht unbedingt an ihrer Art zu gehen oder an ihrem individuellen Kleidungsstil, sondern eher an der Richtung die sie eigenschlagen hat und die unmissverständlich zu ihm führt. Als sie näher kommt, schlägt sie die Kapuze nach hinten und lächelt ihn zur Begrüßung kurz an. Er nickt nur, scharrt mit den Füßen und kramt eine Zigarette aus der Tasche, um die anhaltende Stille mit etwas zu füllen. Er zündet sie an und bevor er den ersten Zug nimmt, bietet er sie ihr an. Sie lehnt kopfschüttelnd ab, fixiert die Zigarette mit ihren Augen aber derart intensiv, dass er sich sicher ist, sie würde ihre Meinung noch ändern. Doch sie macht keine Anstalten. Er ist froh, dass sie keinen Small Talk beginnt. Er hätte nichts zu sagen und auch sonst, sind ihm seine Worte für solche Oberflächlichkeiten zu wertvoll.  Mit einer Kopfbewegung gibt er ihr zu verstehen, dass er noch zum Kiosk gehen will. Sie folgt ihm. Sie kaufen sich einige Flaschen Wein und steuern dann auf ein verlassenes Haus zu. Er hilft ihr über den Zaun zu klettern, reicht ihr seinen Rucksack und die Flaschen hinüber und klettert dann selbst mit wenigen geübten Bewegungen über den Zaun. Es ist das erste Mal, dass er sie hierher mitnimmt und es fühlt sich ungewohnt an in Gesellschaft zu sein. Sie klettern in ein Fenster, steigen dann einige Stockwerke hoch, bis sie in einen Teil des Gebäudes kommen, dem nicht nur die Fenster fehlen, sondern auch die Außenwand durch ein großes Loch ersetzt wurde. Die Aussicht ist nicht atemberaubend, aber durchaus nicht zu verkennen und wenn man sich nicht ganz an die Kante setzt, ist es auch ziemlich windstill. Er merkt, wie er sich gedanklich rechtfertigt und ist froh nichts gesagt zu haben. Der dreckige Boden ist schon lange gut genug für ihn, aber ist er auch gut genug für sie?

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Nach den ersten Schlucken Wein löst sich endlich die angespannte, distanzierte Stimmung. Sie beginnt zu erzählen und er lauscht aufmerksam und stellt ihr Fragen. Langsam leeren sich ihre Flaschen und sie fühlt sich so befreit wie seit Wochen nicht mehr. Sie schreien gemeinsam ihren Ärger in die leeren Häuserschluchten hinaus und lauschen dem Echo ihrer eigenen Worte, während die Stadt um sie herum kaum noch einen Ton von sich gibt. Die anhaltende Stille ist wohltuend und sie schweigen bis auch die zweite Flasche Wein geleert von ihnen wegrollt und er beginnt ihr von seinem Leben zu erzählen.

Die Nacht ist noch deutlich kühler als der Abend, doch sie beschwert sich nicht, hatte ihre Zehen eigentlich schon kaum noch spüren können, als sie nach ihrem Fußmarsch bei ihm ankam. Zumindest der Himmel ist nun klarer und man kann vereinzelt Sterne am Himmel erkennen, doch ihre Aufmerksamkeit liegt hier unten bei ihm. Noch einige Zeit hallen seine Worte in ihrem Kopf nach und sie kann seinen Blick auf sich spüren. Sie wendet sich ihm zu, hält seinen durchdringenden Augen problemlos stand und registriert dann, dass er sich zu ihr hinüberlehnt und seine Augen zu ihren Lippen wandern. Sie starrt ihn nur unverwandt an und kann sich beim besten Willen nicht rühren. Ihre Gedanken gefrieren und sie kann weder Ablehnung noch Zustimmung auffindbar machen. Noch immer innehaltend wartet sie, was als nächstes passieren wird. Doch der Moment verstreicht. Sie lässt ihn verstreichen. Er wendet sich ab, gewinnt Distanz, lehnt sich zurück und richtet den Blick in die Ferne, wohl darauf bedacht, ihre Augen kein zweites Mal zu kreuzen.